Lemgo. Andreas Strothmann greift zur Kirschtomate. "Sie entfaltet ihr volles Aroma, wenn sie kurz in Olivenöl und Knoblauch angebraten wird, bis sie platzt. Danach ist sie zur Verarbeitung im Salat perfekt", erklärt er. Andreas Strothmann wird das "Haus der Vielfalt" leiten, das die Stiftung Eben-Ezer derzeit in der Mittelstraße einrichtet.
Sein Einsatzort heute ist die Lehrküche in Neu-Eben-Ezer, in der er Menschen mit Behinderung auf ihre Arbeit im Café vorbereitet. Der Kochkursus ist Teil des Pilotprojekts der Stiftung in Kooperation mit der Lebenshilfe. Das "Café der Vielfalt", das im November im Herzen der Stadt eröffnet werden soll, wird ein integrativer Betrieb. "Es wird ein gemütlicher und attraktiver Anlaufpunkt. Eben-Ezer ist mit dem Haus mitten in der Stadt, und das ist uns wichtig", meint Ingelore Möller, Pressereferentin der Stiftung.
Sechs Arbeitsplätze gilt es mit geistig behinderten Menschen zu besetzen. Das Interesse bei den Bewohnern von Eben-Ezer und den ambulant betreuten Klienten der Lebenshilfe ist groß. Für das Betriebskonzept des Hauses, die Vernetzung mit der Lemgoer Szene sowie die Auswahl und Schulung der Mitarbeiter musste ein Projektleiter gefunden werden, der der Herausforderung in allen Belangen gewachsen ist.
"Es geht um viel mehr, als das künftige Personal am Kochtopf zu schulen", weiß Pressesprecherin Möller. Den zukünftigen Leiter des Cafés kann die Vielzahl der Anforderungen anscheinend nicht aus der Ruhe bringen. "Alles läuft gut. Mir macht meine Arbeit viel Spaß und Freude", lächelt der leidenschaftliche Profikoch Strothmann.
So vielfältig, wie sich das "Haus der Vielfalt" und der Cafébetrieb präsentieren sollen, sind auch die Aufgabengebiete und Qualifikationen des zweifachen Familienvaters. Der Leopoldshöher, der seit knapp einem Jahr das Projekt leitet und den Betrieb vorbereitet, war vorher als Betriebsleiter in einer Altenhilfeeinrichtung tätig. Als gelernter Koch und studierter Ökotrophologe sowie Qualitätsmanager hat er gelernt, auch mal unter die Tomatenhaut zu schauen, um zu erfahren, was drin steckt.
"Jeder Mensch hat andere Qualitäten"Andreas Strothmann
In der Lehrküche hat er den Blick für seine Aspiranten am Kochherd, die er zudem für den Service und Einsatz an der Theke schult. "Es ist mir wichtig, den Blick für den Einzelnen zu wahren, um zu gucken, welche Fähigkeiten in ihm stecken und wie diese Qualitäten gefördert werden können." Mit den Schulungen von geistig behinderten Menschen betritt Andreas Strothmann ein für ihn bis dato unbekanntes Tätigkeitsfeld. Der Mann ist seit einem Vierteljahrhundert in der beruflichen Bildung engagiert. Seit nunmehr drei Jahren sitzt er im überregionalen Prüfungsausschuss der Landwirtschaftkammer für Hauswirtschafterinnen. Mehr als 500 Prüflinge hat er bis heute unter die Lupe genommen.
Zu behinderten Menschen sieht der 47-Jährige keinen Unterschied. Er weiß: "Berufliche Bildung ist nicht defizitorientiert, sondern davon bestimmt, wo die Fähigkeiten eines Menschen liegen und wie ich diese aufbauen und entwickeln kann, um damit Freude und Spaß zu wecken." Und er ergänzt, während er mit den sieben Teilnehmern den Salat liebevoll zubereitet: "Manche in diesem Kochkursus können lesen, einige nicht. Jeder Mensch hat andere Qualitäten. Entscheidend ist, dass jeder welche hat. Es gilt sie nur zu entdecken. Spaß und Freude daran sind überall gleich."
Seine Schüler sind auf alle Fälle von der Qualität ihres Lehrers überzeugt und begeistert: "Der Kurs ist toll. Ich lerne viel und mache hier alles am liebsten", bringt es Kathrin lachend auf den Punkt. Ihre Mitschülerinnen im Alter zwischen 19 und 46 Jahre stimmen ihr nickend zu, während die Kirschtomaten in der Pfanne brutzeln.
Viele haben bereits Erfahrungen in der Küche gesammelt. Jürgen, einziger männlicher Bewerber und 46 Jahre jung, erzählt: "Neulich beim Mitternachtsshopping hatten wir einen Stand. Da habe ich mitgearbeitet, um gefüllten Hefeteig mit Sesam-Honig-Soße an die Leute zu bringen. Und es waren ganz viele da."
Dieser Kochkursus endet nicht mit einer Prüfung. Die Schulungsgruppe wird sich auch nach Eröffnung des "Cafés der Vielfalt" zur Fortbildung weiter treffen.