Die 23-jährige Lagenserin Sina Ruthe meistert ihr Leben auch ohne sehen zu können
Ein Bild anschauen, Fernsehen gucken, eine Treppe hinuntergehen: All diese Dinge sind für die meisten Menschen völlig alltäglich. Nicht so für die 23-jährige Sina Ruthe: Die junge Lagenserin ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind.
Lage. Die Tür öffnet sich. "Hallo, magst Du auch einen Tee?", fragt mich Sina munter. "Die Schuhe solltest Du bei dem Wetter besser ausziehen. Dafür gebe ich Dir ein paar unserer großen Hausschlappen", fügt sie lachend hinzu. Die Βehinderung ist der fröhlichen jungen Frau kaum anzumerken.
Sina ist seit ihrem 16. Lebensjahr blind. Im Jahr 2002 entdeckt man bei ihr einen Tumor an der Sehnervenkreuzung. Dieser wird zwar entfernt, doch von heute auf morgen kann sie nur noch Umrisse und Farben optisch wahrnehmen. Ein harter Schlag für die Heranwachsende.
Als Sina davon erzählt, weicht ihr heiteres Lächeln einem nachdenklichen Gesichtsausdruck: "Nach der Operation war sehr viel Frust in mir, denn mein altes Leben gab es plötzlich nicht mehr."
Sina verlässt ihre alte Schule und absolviert ein professionelles Mobilitätstraining in Lage und Marburg. Dabei lernt sie zum Beispiel, wie man sich am besten in Räumen bewegt oder wie man einen Blindenstock benutzt. Zudem macht sie sich mit der Punktschrift vertraut.
Ganz alltägliche Dinge bereiten plötzlich Schwierigkeiten, etwa der Gang zum Bankautomaten: "Beim Geld abheben musste ich jeden Vorgang auswendig lernen", sagt Sina. Auch das Überqueren von Ampeln wird zum Problem. "Mittlerweile kann ich hören, wann an einer Kreuzung welche Autos losfahren."
Inzwischen steht Sina wieder fest mit beiden Beinen im Leben. Sie hat sich eine eigene Wohnung gesucht, arbeitet als Empfangsdame in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen des Lippischen Blindenvereins in Detmold-Heidenoldendorf und trifft sich regelmäßig mit Freunden. Sogar der Umgang mit dem Computer stellt kein Problem für sie dar – dank einer speziellen Software, die ihr die Texte vorliest.
Durch den Alltag hilft Sina ein so genanntes Kantenfilterglas. "Das bringt mehr Kontraste in die Farben", erklärt die 23-Jährige. Zudem schütze es die Augen vor der Sonne. "Blindsein heißt nicht zwangsläufig Dunkelheit", macht Sina klar. Auch einen Blindenstock besitzt sie.
Ihr Schicksal hat Sina mittlerweile, so gut es geht, akzeptiert: "Es war ein mühsamer Prozess, der noch immer nicht ganz abgeschlossen ist", räumt sie ein. "Doch ich bin jetzt ein gutes Stück in mir selbst angekommen."