Dieser Text fällt aus dem Rahmen. Es geht um einen wahren Fall, um Kindesmissbrauch in einem lippischen Dorf und seine Folgen – für alle Beteiligten. Zu deren Schutz haben wir alle Namen geändert.
Kreis Lippe. Plötzlich hingen sie überall im Dorf, nennen wir es Idyllhausen: Laminierte Zettel an Laternenpfählen. "Achtung. Ab sofort hat der Idyll–hausener Kinderschänder Ausgang, bzw. Urlaub. Schützt Eure Kinder!!!"
Im Juni 2008 ist der 46-jährige Stefan R. zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er seine 11-jährige Nichte, seinen 14-jährigen Neffen und die 10-jährige Tochter von Freunden sexuell missbraucht hat. Nun wird geprüft, ob die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt wird.
Die Plakate hängen nur wenige Tage. "Die meisten haben Dorfbewohner abgenommen", glaubt Hildegard R. 25 Jahre war sie mit dem Täter verheiratet. Sie fühlt sich quasi in Sippenhaft genommen: Ein anonymer Brief hat ihren Arbeitgeber mit Boykott bedroht, falls er sie, die Täter-Ehefrau, weiter beschäftige. "Aber ich bin doch nicht für die Tat verantwortlich", sagt sie. Hildegard R. hat wegen der Plakate und anonymen Briefe Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt.
Kaum einer im Dorf grüßt sie noch. Weil sie sich nicht abgewandt hat. "Natürlich ist es unfassbar, was er getan hat. Aber er hat für seine Strafe gebüßt, und er macht eine Therapie. Ich kann ihn jetzt nicht einfach vor die Hunde gehen lassen. " Sie will zu ihm stehen, wenn er aus dem Knast kommt – zurück ins gemeinsame Eigenheim.
Eine Entscheidung, die die Mutter der kleinen Lena nicht nachvollziehen kann. Ihre Tochter trägt schwer an dem, was ihr passiert ist. Lena ist in ihren Leistungen abgerutscht, musste vom Gymnasium auf die Realschule wechseln. Zwei mal pro Woche geht sie zur Therapie.
Die Tat hat die Familie bis ins Mark erschüttert. "Es vergeht kein Tag, an dem der Missbrauch nicht auf den Tisch kommt."
Der Vater schüttelt den Kopf, ein kräftiger Kerl in einem echten Männerberuf. Dienstlich steht er seinen Mann, "aber meine Tochter habe ich nicht schützen können." Er hat sich therapeutische Hilfe geholt – im Gegensatz zu seiner Frau. "Ich mach das mit mir selbst ab", zuckt sie mit den Achseln. Und immer wieder die quälende Frage: "Hätten wir es nicht eher merken müssen?" Nicht nur das Kind ist traumatisiert, auch die Erwachsenen.
Der Gedanke an eine Rückkehr des Täters ins Dorf ist schwer erträglich, vor allem für die Kinder. "Meine Tochter hat Angst", sagt die Mutter.
Die Opfer und ihre Familien haben Schaden genommen: "Es wird nie wieder so, wie es war", sagt die Schwägerin des Täters. Bis heute kann sie nicht fassen, dass ihr Vertrauen und das der Kinder von einem direkten Verwandten so missbraucht wurde – auch ihr Sohn und ihre Tochter sind in psychotherapeutischer Behandlung.
An den Folgen der Tat tragen nicht nur die betroffenen Familien von Täter und Opfern schwer. Denn seither geht ein Riss durchs Dorf: "Es gibt hier sogar Leute, die noch immer nicht glauben wollen, was er getan hat. Und andere sagen: Der hat die Strafe verbüßt, jetzt muss es mal gut sein", sagt Lenas Mutter, "der war doch immer so ein feiner Kerl."
Die Tat
Stefan R. wurde zu zweieinhalb Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 13 Fällen verurteilt. Er hat seine Opfer immer einzeln mit zum Angeln genommen, sich von ihnen anfassen und beim Onanieren helfen lassen beziehungsweise sie dazu gebracht, vor ihm zu masturbieren. Der Missbrauch wurde erst ruchbar, als eines der Mädchen sich seiner Mutter anvertraute. Der Gutachter hat Stefan R. vor Gericht volle Schuldfähigkeit bescheinigt.
In der Tat, negatives hat – abgesehen vom Missbrauch – kaum einer Dorf zu erzählen: "Der war immer sehr hilfsbereit", sagt der Nachbar von gegenüber. "Dass der so was gemacht haben soll..." Dennoch: Die Plakataktion hält er für falsch. Bei den Idyllhausener Vereinen stößt die LZ auf eine Mauer des Schweigens: "Dazu sage ich nichts", ist die häufigste Antwort. Der hiesige Schützenverein hat einen Ausschluss des Täters gar nicht erst beschließen müssen: Hildegard R. habe ihren Mann irgendwann abgemeldet, so der Vorsitzende.
Noch sitzt Stefan R. in Haft. Und hat eine höllische Angst, dass im Knast bekannt wird, was er verbrochen hat. "Sobald ein Artikel mit der Dorfangabe gedruckt ist, bin ich geoutet. Um mich zu schützen, müsste ich in eine andere Anstalt verlegt werden", schreibt er auf die Nachfrage der LZ.
Was er selbst über seine Tat und seine Opfer sowie über sein künftiges Leben im Dorf denkt, wolle er der LZ gern beantworten. "Ich spreche gern mit Ihnen, aber erst nach meiner Entlassung."